Alltagsszenen: Eltern, Kinder und das Miteinander

Im Sommer verbringen wir viel Zeit draußen – umso mehr Situationen erlebe ich, wie Eltern mit ihren Kindern umgehen. Ich möchte niemanden verurteilen, nur ein Bild zeichnen. Oder besser gesagt Ausschnitte von Alltagsszenen. Denn es sind wirklich nur Ausschnitte, die ich miterlebe.

Die stille Treppe

Wir sind im Zoo bei den Affen. Ich gehe mit meinem Kind eine Treppe hinauf, ein Vater mit seinem etwa 8 Jahre alten Sohn kommt uns von oben entgegen. Der Junge sieht uns und will ausweichen, um uns Platz zu machen, damit wir vorbeikommen können. Etwa eine Millisekunde zu spät. Der Vater kommt ihm zuvor und brüllt ihn an: „Sag‘ mal, hast du sie nicht alle??? Geh sofort auf die Seite. Du bist echt das Allerletzte!!!“ Der Junge fängt an, bitterlich zu weinen. Ich sehe in seinen Augen nichts als Schmerz und Verzweiflung. Ich würde ihn am liebsten in die Arme nehmen und trösten. Ich sage: „Er hat uns doch gesehen und wollte gerade ausweichen. Er hat alles richtig gemacht. Es ist alles gut.“ Der Vater schaut mich missbilligend an. Ich weiß, dass ich genauso gut gegen eine Wand hätte reden können. Denn es geht hier nicht um uns. Ich höre den Buben noch eine Weile weinen. Mein Herz weint leise mit.

Die Zerr-Schaukel 

Wir sind auf dem Spielplatz. Ich sehe von der Weite, wie eine Mutter ihren Sohn, etwa fünf, von der Schaukel zerrt. Warum, bekomme ich nicht mit. Sie zieht ihn grob an der Hand, schreit ihn an, presst ihre Finger in seinen Arm. Lässt los. Der Bub haut sie. Sie schreit ihn nochmal an. Zerrt ihn wieder am Arm. Hält diesen so stark fest, dass er ganz rot wird. Der Bub weint. Sie setzt sich mit ihm auf eine Bank, wendet sich mit dem Rücken zu ihrem Kind und unterhält sich mit ihrer Freundin. Der Bub weint vor sich hin. Alleine.

Das Lasten-Fahrrad

Wir gehen in den Supermarkt. Auf dem Weg dorthin sehe ich eine Mama mit ihrer Tochter. Die Tochter will nicht mehr mit dem Fahrrad fahren. Die Mutter zieht einen schwer beladenen Einkaufs-Trolley hinter sich her. Die Tochter fängt an zu weinen. Die Mutter erklärt ihr ganz ruhig, dass sie jetzt nicht das Fahrrad und den Trolley gleichzeitig schieben kann. Die Tochter bekommt einen Wutanfall. Die Mutter nimmt das Kind unter den Arm, schiebt Trolley und Fahrrad. Es geht nicht. Sie erklärt ihrer Tochter nochmals in ruhigem Ton, dass sie das nicht kann. Das Kind beruhigt sich nach einer Weile und steigt wieder aufs Fahrrad.

Der Bienenstich

Wir sind auf einer Wiese. Ein etwa eineinhalbjähriger Junge spielt mit dem Ball. Auf einmal fängt er ganz panisch und ganz laut an zu weinen, als ob er Schmerzen hätte. Seine Mutter fragt ihn, was los sei, und wo es weh tut, doch er kann ihr nicht antworten. „Tut es hier weh? Oder da?“ Der Bub weint weiter. „Weißt du, ich kann dir nicht helfen, wenn du mir nicht sagst, wo es weh tut, Schatz.“ Nach einer Weile zeigt er auf den Fuß. Sie zieht einen Stachel heraus. Er weint noch immer bitterlich. Sie trägt ihn herum, tröstet ihn. Sie schaut zu uns anderen Mamas rüber, die auf der Wiese sitzen, und sagt, schulterhebend: „Was soll’s! Es ist Sommer. Das gehört einfach dazu!“

Was ich mit den Ausschnitten dieser Alltagsszenen zeigen will? 

Erstens: Es gibt eine ganz breite Palette an verschiedenen Arten, wie Eltern mit ihren Kindern umgehen. Eltern können grausam sein, grob, verletzend, ignorant. Beleidigend. Sie können mitfühlend, tröstend, ruhig und stark, cool und locker sein. Aufopfernd und verständnisvoll. Laisser-faire und autoritär. Belastbar. Liebevoll und konsequent.

Zweitens: Man darf niemanden zu schnell verurteilen. Der Vater aus dem ersten Beispiel hat sich womöglich bei seinem Sohn entschuldigt und noch einen restlichen schönen Tag mit ihm verbracht (das hoffe ich zumindest…). Die Bienenstich-Mutter wirkte nach Außen total cool, ruhig und stark, aber machte sich vielleicht innerlich die größten Sorgen. Oder sie ist bei anderen Dingen weniger gelassen. Und die Zerr-Schaukel Mama war an dem Tag einfach extrem überfordert, weil sie schon seit Wochen null Unterstützung hat. Vielleicht war sie schon komplett hilflos und wusste nicht, wie und wo sie sich Hilfe suchen soll?

Drittens: Weil man eben nur einen kleinen Ausschnitt sieht, sollte man sich als Fremder nicht in die Erziehung anderer Leute einmischen. Es tut mir teilweise sehr weh, wenn ich sehe, dass Kinder ungerecht oder schlecht behandelt werden, aber wie im Beispiel mit dem Vater im Zoo hat es auch nichts gebracht, dass ich mich eingemischt habe. Denn: es ist eine sehr persönliche Sache, wie man seine Kinder erzieht, und wie man mit ihnen umgeht. Zudem fehlt als Außenstehender komplett das Vertrauen, um konstruktive Kritik üben zu können.

Und, last but not least: Es sollte mehr Toleranz unter den Eltern geben. Denn wir machen alle eine verdammt harte Arbeit. Kinder haben ist wunderschön und anstrengend zugleich. Nicht jeder hat dieselben Voraussetzungen, um einen guten Job machen zu können. Nicht jeder geht in dieser Rolle so auf, wie ein anderer.

Letztendlich steht es in unser eigenen Verantwortung, wie wir Beziehung mit unseren Kindern leben wollen. Welche Art von Mutter oder Vater möchte ich sein? Liebevoll und achtsam? Authentisch? Temperamentvoll? Ruhig und gelassen? Was möchte ich meinen Kindern fürs Leben mitgeben? Welche Werte und Vorstellungen? Wie möchte ich unser tägliches Miteinander gestalten? Und welche Ressourcen habe ich dafür? Wie viel Zeit, Geduld, Kraft …?

Auch wenn es nur eine Floskel ist, bin ich mir sicher: Was man seinen Kindern gibt, das bekommt man auch zurück.

Wie seht Ihr das?

Comments

  1. Das scheint ja wirkliche ein Thema diese Woche gewesen sein, so viele hat ähnliches beschäftigt.
    Ja, es ist nicht einfach und meist denke ich auch, raushalten ist die beste Lösung. Doch, wenn ein Kind sichtlich in Gefahr ist, dann finde ich es schon ok, wenn man handelt. 🙂

    Liebe Grüße,
    Lara

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