Soll ich auf mein Herz hören?

Liebes Pralinchen,

es gibt Tage, da komme ich einfach nicht durch zu Dir. Heute war so ein Tag. Du bist aufgestanden, wolltest nicht mit mir frühstücken, hast gejammert, gequengelt, geweint. Egal, was ich gemacht habe, es war nicht richtig. Du hast Dich hineingesteigert und richtig bitterlich geweint. Du hast an mir geklammert, meine Nähe gesucht. Ich habe Dich gefragt, was denn los sei. Ob du Hunger hättest oder Durst, ob du müde wärst oder dir etwas weh täte. Nein.

Es hat mir das Herz gebrochen, Dich so weinen zu sehen und nicht zu wissen, was Dir fehlt. Ich habe mich gefragt, was ich denn nun machen soll. Ich musste nämlich los, zur Arbeit. Sollte ich Dich zu Hause behalten? Oder doch in den Kindergarten bringen? Du weintest weiter und ich fühlte mich hilflos. Allein gelassen in einer Situation, in der ich nicht wusste, wie ich mich entscheiden soll. Noch dazu in Windeseile, weil es schon spät war.

Ich habe mich entschieden, Dich in den Kindergarten zu bringen und die Oma sollte dich abholen, falls etwas wäre. Ich fühlte mich, wie so eine toughe „Working Mum“, die ich eigentlich gar nicht bin. Kaum gingen wir auf die Straße, hörtest Du auf zu weinen. Wir gingen wie üblich unseren Weg in den Kindergarten. Alles war gut. Auch bei der Verabschiedung war alles in Ordnung. Ich sagte noch zur Erzieherin, sie solle mich sofort kontaktieren, falls etwas wäre. Das gab mir Halt.

Als ich in die Arbeit fuhr, sah ich eine Mama mit ihrem Kind und hatte plötzlich starke Sehnsucht nach Dir. Ich beneidete sie. Ich hoffte wirklich sehr, dass es Dir gut ging. Ich schluckte meine Gefühle hinunter. Ich musste funktionieren.

Es kam kein Anruf aus dem Kindergarten. Als Dich die Oma abholte, schickte sie mir eine Nachricht, dass alles gut gewesen sei. Du hättest nicht geweint und alles sei wie sonst gewesen. Ich war in dem Moment erleichert. Und jetzt, da ich diese Zeilen in der Stille der Nacht schreibe, frage ich mich: Vielleicht musstest Du auch funktionieren, so wie ich? Vielleicht hast Du auch Deine Gefühle hinuntergeschluckt?

Und plötzlich beginne ich alles zu hinterfragen. Das ganze System. Warum es nicht möglich ist, freier zu sein. Warum wir in etwas hineingepresst werden, was wir nicht immer wollen. Warum wir oft „durch“ und funktionieren müssen. Warum wir überhaupt so viel müssen.

Ich frage mich: ist es das Leben? Gehört das einfach dazu und ist es gut, dass Du schon so früh lernst, dass nicht immer alles so sein kann, wie wir es gerade wollen? Dass viele Situationen im Leben einfach schwierig sind und wir wieder gestärkt herauskommen, wenn wir sie meistern? Vielleicht bin ich zu sensibel für diese Welt, und womöglich hätte jemand anderer sich gar nichts dabei gedacht und es ganz locker weggesteckt? Oder sollte ich Deine und meine Gefühle als Warnsignal erkennen und einen anderen Weg gehen? Soll ich auf mein Herz hören?

Mein Herz ist verzweifelt und weiß nicht weiter. Mein Verstand sagt: „Warte ab und beobachte. Vielleicht wird alles gut.“ Wie du siehst, bin ich hin- und hergerissen. Solche Situationen gibt es oft im Leben und bis jetzt habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich meist alles von alleine löst.  Dass man oft Geduld haben muss. Und dass ich mir immer viel zu viele Gedanken mache.

Und trotzdem ist da noch mein Herz. Mein völlig verstandloses Mama-Herz, das Dich unendlich liebt und will, dass es Dir gut geht. Das nur das Beste will für Dich. Für immer.

Deine Mama

 

Nachsatz: Mit diesem Beitrag bewerbe ich mich für den scoyo ELTERN! Blog Award 2017. Drückt mir bitte die Daumen!

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