Alltag

#WMDEDGT: Ausnahmezustand

Frau Brüllen ruft einmal im Monat zum Tagebuchbloggen auf. Ich bin diesmal dabei.

7:30 Uhr Das Pralinchen weckt mich und rennt zum Adventskalender. Ich darf aber noch weiterschlafen, weil der Mann zu Hause ist und mit dem Kind spielt. Es herrscht bei uns gerade Ausnahmezustand, wir sind alle drei krank. So wie heute laufen Wochentage bei uns normalerweise nicht ab.

9:30 Uhr Mann und Kind spielen Reiterhof mit Spielfiguren und ich lümmle immer noch im Bett. Habe mich entschieden, ein Buch zu lesen. Ich lese gerade „Outlander“, passend zu meiner derzeitigen absoluten Lieblingsserie.

10:00 Uhr Ich raffe mich, stark hustend, endlich auf, Frühstück zu machen. Das Pralinchen wünscht sich Palatschinken.

10:30 Uhr Ich stelle dem Pralinchen einen Koffer für ihr Pferde-Putzzeug zusammen. Sie beschäftigt sich gerade intensiv damit, ihr Spielzeugpferd zu bürsten, putzen, zäumen und die Hufe auszukratzen. Jetzt sind alle dafür notwendigen Utensilien auf einem Platz. Sogar die Gummistiefel, die kurzerhand zu Reisterstiefeln umfunktioniert worden sind.

11:30 Uhr Der Mann bringt das Pralinchen zur Oma. Dank ihr können wir uns ein paar Stündchen ausruhen und auskurieren. Mit Kind wäre das nicht so gut möglich.

14:30 Uhr Wenn ich nicht arbeite, habe ich mehr Zeit zum Kochen. Es gibt „Pink Curry“. Die Farbe entsteht durch die Verbindung von Kokosmilch mit roten Rüben.

15:30 Uhr Das Pralinchen kommt samt Papa, der sie abholte, wieder nach Hause.

16:00 Uhr Nachdem ich zwar immer noch stark huste, es mir aber schon etwas besser geht als die Tage davor, komme ich endlich dazu, den Adventkranz aufzustellen. Das Pralinchen hilft mir dabei.

Die Kerzen sind noch vom letzten Jahr und müssen bald ausgetauscht werden. Ein paar Tage habe ich ja noch Zeit.

17:00 Uhr Wir lümmeln im Bett herum, ich überrasche das Pralinchen mit Büchern, die sie schon länger nicht mehr angeschaut hat, und lese sie vor. Seit ich abgestillt habe, lesen wir deutlich mehr. Das freut mich wirklich sehr…

18:30 Uhr Zum Abendessen mache ich Topfennockerl in Semmelbröseln mit Apfelmus.

20:00 Uhr Das Pralinchen schaut sich auf dem Fernseher ein Youtube-Channel mit Pferdekram an. Da werden Pferde geputzt, gesattelt, geritten und sie macht mit ihrem Plüschpferd alles nach, was diese Mädels so machen. Echt süß. Witzig ist, dass sie auch deren Sprache übernimmt, da ist alles immer „Mega“ und so…

20:30 Uhr Das Kind verschwindet mit dem Papa im Bad und ich suche nach schönen Weihnachtsliedern.

21:00 Uhr Einschlafbegleitung.

So haben wir auch diesen Tag trotz Kranksein gut überstanden. Zum Glück ist die Oma fit und kann uns das Kind für ein paar Stunden abnehmen. Ich bin ihr wirklich sehr dankbar dafür. Durch ihre Unterstützung ist es doch ein angenehmer Ausnahmezustand geworden. Auch wenn Kranksein nie Spaß macht. Aber immerhin, manchmal muss man – so gut es geht – das Beste daraus machen.

Und was habt Ihr so gemacht? Mehr Tagebuchbloggende gibt es bei Frau Brüllen. Habt noch eine schöne restliche Woche und bleibt gesund!

Erziehung, Gewalt und warum Eltern-Blogs so wichtig sind

Ich beobachte im Alltag immer wieder Szenen, die aus dem Lehrbuch der schwarzen Pädagogik stammen könnten.

  • Kindern wird gedroht
  • Sie werden unsanft angefasst und gegen ihren Willen auf eine Sitzgelegenheit katapultiert
  • Anstatt sie zu trösten, wenn sie dann weinen, werden sie noch zusätzlich angeschrien oder bestraft oder komplett ignoriert
  • Sie werden gegen ihren Willen und ohne vorherige Ankündigung einfach vom Spielplatz weggetragen
  • Sie werden vor anderen bloßgestellt

Diese Liste ließe sich noch beliebig lange fortsetzen. Leider. Traurig, aber wahr.

Erziehung ist gleich Gewalt?

Wenn ich vorher irgendwo mal gelesen habe, dass Erziehung Gewalt bedeutet, dann war ich immer skeptisch eingestellt. Man kann doch keiner Mama oder keinem Papa sagen, dass er oder sie Gewalt ausübt, indem er oder sie erzieht. Jeder will doch nur das Beste für seine Kinder! Jeder macht es so gut, wie er oder sie kann.

Jetzt weiß ich: Erziehung bedeutet vielleicht nicht unbedingt Gewalt. Gewalt ist ein sehr starkes Wort. ABER: Wenn sie Formen annimmt, wie oben beschrieben … was macht das dann mit einem Kind?

Wenn kein Mitgefühl da ist, wie sich so eine Kinderseele denn fühlen kann, wenn man sie (oft noch dazu grundlos) bestraft. Wenn es nur noch um Strafe, Disziplin und Konsequenz geht: „Wer nicht hören will, muss fühlen!“. Wenn es darum geht, Macht auszuüben: „Ich bin stärker als du und wenn du nicht das machst, was ich sage, dann wirst du schon sehen, was passiert.“ Oder: „Du hast gar nichts zu sagen. Ich bin hier der Chef!“

Es macht auf Dauer klein. Und die Betonung liegt auf DAUER. Denn jeder hat mal einen schlechten Tag, die Schnauze voll von allem und keine Lust oder Kraft, pädagogisch wertvoll zu handeln. Kinder können diese Momente aushalten, wenn sie ansonsten eine liebevolle Erziehung erfahren.

Und dennoch bemerke ich – egal ob auf dem Spielplatz, im Schwimmbad, im Park oder wo auch immer, dass in unserer Gesellschaft immer noch eine gewisse Grundhaltung herrscht. Eine Grundhaltung dem Kind gegenüber, die besagt: „Du bist es nicht wert, respektvoll behandelt zu werden!“

Warum tun Eltern sowas?

Diese Frage habe ich mir oft gestellt. Ich denke, es gibt mehrere Gründe:

  • Sie glauben, dass sie ihren Kindern mit Drohungen, Strafen und Konsequenz etwas Gutes tun. Dass nur so ihre Kinder „zu etwas werden“.
  • Sie haben es selbst nicht anders erlebt
  • Sie besitzen kein Wissen darüber, dass es auch anders geht
  • Gesellschaftliche Konventionen: „Es gehört sich einfach so!“
  • Sie sind überfordert

Immer wenn ich Erziehung in dieser Form als Fremde, Außenstehende erlebe, fühle ich mich hilflos. Am liebsten würde ich das jeweilige Kind in den Arm nehmen und dem Elternteil sagen: „Das musst du gar nicht tun. Dein Kind liebt dich. Es will alles tun, um dir zu gefallen. Lass die Zügel los!“

Doch das geht nicht. Wo kein Vertrauen da ist, kann man auch kein Feedback geben, das angenommen wird. Oder bin ich zu feige?

Stattdessen schaue ich mein eigenes Kind an. Ich gebe ihr einen Knutscher, knuddle sie ganz fest und bin froh, dass sie keine Erziehung als Form der Gewalt erfahren muss. Warum? Weil ich das Glück habe, selbst nicht so aufgewachsen zu sein. Weil ich mir Wissen aufgebaut habe.

Das Wissen darum, wie Kinder ungefähr ticken, dass sie genauso Bedürfnisse haben wie Erwachsene und dass sie keine unfertigen Menschen sind, sondern von sich aus gut und kompetent sind. Dass sie es nicht böse meinen, wenn sie etwas tun. Dass alles einen Grund hat, wenn sie sich so oder anders verhalten.

Das hatte ich, bevor ich mein Kind geboren hatte, nicht.

Erlebte ich Situationen wie oben beschrieben, so dachte ich: „Recht so, endlich wird dem verzogenen Racker gezeigt, was sich gehört und was nicht!“ Echt erschreckend, wenn ich jetzt im Nachhinein darüber nachdenke…

Wissen, Wissen, und nochmals Wissen

Seit ich ein Kind habe, hat sich meine Einstellung um 360 Grad gedreht. Meiner Überforderung sei Dank! Denn immer, wenn ich überfordert war, habe ich mir Rat geholt. Ich habe das Internet durchforstet, Bücher gekauft, bin in Gruppen gegangen, wo man Fragen stellen konnte. Denn ich war sowas wie eine „Tabula Rasa“, eine leere Tafel. Komplett planlos.

Ok, planlos und verzweifelt bin ich teilweise immer noch, vor allem wenn neue Herausforderungen auf mich zukommen. Ich mache ganz viele Fehler. Auch eine Drohung, Bestechung, oder was auch immer ist mir des öfteren schon ausgerutscht. Und schimpfen tu ich sowieso. Aber ich weiß, wo ich mir Rat und Hilfe holen kann. Und ich bin echt dankbar.

Dankbar dafür, dass es pädagogisch wertvolle Bücher rund um Kindererziehung gibt, dass ich meine Filterblase auf Twitter habe, in der ich mich austauschen kann, und dass es ganz tolle Eltern-Blogs gibt.

Denn Eltern-Blogger (zumindest die, die ich kenne) leisten eine verdammt gute Arbeit.

Das mag vielleicht kitschig klingen, aber Eltern-Blogger tragen dazu bei, diese Welt zu einem besseren Ort für Kinder (und Eltern) zu machen:

  • Sie zeigen, dass Beziehung wertvoller ist als Erziehung
  • Sie hinterfragen Dinge, die in unserer Gesellschaft passieren
  • Sie greifen Probleme auf und suchen im gemeinsamen Austausch nach Lösungen
  • Sie recherchieren, prüfen nach, stellen zusammen und vermitteln Wissen rund um die Entwicklung von Kindern
  • Sie zeigen den (authentischen) Alltag mit Kindern und unterschiedliche Erziehungsstile
  • Sie geben Ansporn, inspirieren und berühren
  • Aber vor allem reflektieren sie sich selbst.

(Hinter)fragen kostet nichts

Vielleicht kommen also auch jene Eltern, die überfordert sind, es nicht anders kennen und glauben, ihren Kindern nur mit Strenge, Disziplin Strafen und verbaler Gewalt zu begegnen auf die Idee, es anders machen zu können. Vielleicht beginnen sie, Glaubensmuster zu hinterfragen und ihren eigenen Erziehungsstil zu reflektieren. Sich Hilfe zu holen. Vielleicht machen sie all das, wenn sie auf gute, wertvolle, authentische Eltern-Blogs stoßen.

Ich weiß, dass das sehr kurz gedacht ist. Vielleicht etwas naiv. Aber wer weiß, vielleicht ist es zumindest für einige ein Anstoß, auf eine Reise zu sich selbst zu gehen? Mit ihren Kindern auf gewaltfreie Art zu kommunizieren. Weniger an ihnen zu ziehen, sondern in respektvolle Verbindung zu treten. Die Zügel loszulassen. Und gemeinsam mit ihnen zu wachsen. Jeden Tag ein Stückchen mehr.

Schwierige Kleinkind-Zeit oder: Wenn die Mama trotzt

Ich bin manchmal nicht die Mama, die ich gerne sein würde. Wahrscheinlich habe ich zu hohe Ansprüche. Je weniger ich sie erfüllen kann, umso frustrierter werde ich. Und irgendwann läuft das Fass über. So wie heute.

Situation 1: Mein Kind will nicht rausgehen

Wir sind seit einer Woche zu Hause. Das Pralinchen hatte eine leichte Mittelohrentzündung, doch sie scheint jetzt wieder gesund zu sein. Ich hatte zum Glück nur Schnupfen.

Eine Woche lang nur zu Hause zu sein, bedeutet Lagerkoller. Für mich, nicht für sie. Denn sie will keinesfalls außer Haus gehen. Das ist eigentlich fast immer so. Nur mit großer Mühe schaffe ich es, sie anzuziehen, um nach Draußen zu gehen. Sie ist ein kleiner Stubenhocker. Und heute ging es gar nicht, heute war es nur noch ein Kampf.

Bedürfnis gegen Bedürfnis: sie will zu Hause bleiben, ich muss raus. Ich wollte endlich an die frische Luft, auch mal was anderes sehen, als die eigenen vier Wände. Wäre ich noch länger zu Hause geblieben, wäre ich durchgedreht. Ich fühlte mich schon richtig eingesperrt.

Was also tun? Die Tage zuvor bin ich zu Hause geblieben, weil wir krank waren und sie auch nicht wollte, dass ich rausgehe, als der Mann zu Hause war. Auch gestern nicht, wo sie schon längst fieberfrei war.

Aber heute konnte ich mein Bedürfnis nicht länger zurückstecken. Und so gingen wir, nach ewig langem Erklären, Hin- und Hergetue und gegen ihren Willen endlich aus dem Haus. Als wir draußen waren, war alles gut. Sie spielte sogar ein bisschen im Schnee.

Dennoch mache ich mir Vorwürfe: Was, wenn sie nicht rausgehen wollte, weil sie noch angeschlagen ist?

Sie wollte lieber den Schneemann zu Hause verkleiden, als einen aus Schnee bauen. Ich hingegen wollte nach einer Woche Zuhause-sein so gerne rausgehen.

Situation 2: Tablet schauen und Süßes essen bis zum Umfallen

Als sie noch Fieber hatte und krank war, machten wir einen Fehler: Wir ließen sie so lange Tablet schauen, wie sie wollte. Das ging dann leider so weit, dass sie bis zu 5h am Tag schaute. Das geht natürlich gar nicht, und so reduzierte ich das schrittweise. Was natürlich mit Wutanfällen einhergeht. Und das ist OK so.

Jetzt haben wir das Problem, dass sie ständig nach dem Tablet fragt. Heute hatte sie schon eine Zeit lang geschaut, wir aßen dann zu Mittag und danach fragte sie wieder, ob sie was am Tablet schauen könnte. Ich weiß, dass das unser Fehler war, und trotzdem nervt es mich (wahrscheinlich gerade deshalb). Und weil ich ihr immer Alternativen anbiete, die abgeschlagen werden: wollen wir dieses und jenes spielen? Magst du ein Buch mit mir lesen? Nein.

Das gleiche Problem haben wir mit Süßem. Sie fragt ständig danach. Sie möchte auch nichts Anderes essen. Mittlerweile habe ich alle Süßigkeiten verbannt (außer Keksen) und backe etwas Süßes, aber Gesundes zusammen mit ihr. Diese Woche habe ich Apfel-Haferflocken-Muffins gemacht. So haben wir zumindest einen Weg gefunden, um das Süße zu reduzieren. Dachte ich. Doch heute in der Früh so: „Mama, ich brauch was noch Süßeres!“ Und die Muffins waren wieder unten durch.

Situation 3: Der Wut-Parkour

Ich habe ihr einen Parkour oder „Indoor-Spielplatz“ gebaut, damit sie sich ein wenig austoben konnte. Sie hat nämlich Wutanfälle am laufenden Band. Ich dachte, es könne daran liegen, dass sie unterfordert ist. Anfangs fand sie den Parkour lustig, aber leider nur für kurze Zeit. Denn kaum machte ich etwas so, wie sie es nicht wollte, folgte wieder ein Wutanfall.

Ich finde das ja völlig OK, dass Kinder ihre Wut und Gefühle rauslassen. Ich weiß, dass das Teil einer gesunden Entwicklung ist. Ich weiß, dass es die Autonomiephase ist, und dass das einfach dazugehört. Ich weiß auch, dass man das liebevoll begleiten soll.

Und genau das tue ich auch. Ich begleite sie liebevoll. Jedes Mal.

Ein Indoor-Spielplatz mit Leiter, Trampolin und Rutsche

ABER: Nach dem 20. Wutanfall an einem Tag reicht es mir. Ich habe keine Kraft mehr.

Und darum ist mir heute genau das passiert, was nicht passieren sollte: Ich bin explodiert. Ich war selber ein trotzendes Kind. Weil ich es satt bin, ständig alles verbieten zu müssen. Ich hasse es, meinem Kind nicht auf Augenhöhe begegnen zu können, sondern das blöde Elternteil zu sein, das nur herummeckert, von oben herab.

Ich weiß nicht, was gerade los ist, aber so läuft unser Familienleben normalerweise nicht ab.

Ist es der Lagerkoller? Meine eigene Sturheit? Eine blöde Phase? Schenke ich ihr zu wenig Aufmerksamkeit? Habe ich überhöhte Ansprüche? 

Wahrscheinlich werde ich erst nach einigen Monaten draufkommen, was wirklich los war.

 

Alltagsszenen: Eltern, Kinder und das Miteinander

Im Sommer verbringen wir viel Zeit draußen – umso mehr Situationen erlebe ich, wie Eltern mit ihren Kindern umgehen. Ich möchte niemanden verurteilen, nur ein Bild zeichnen. Oder besser gesagt Ausschnitte von Alltagsszenen. Denn es sind wirklich nur Ausschnitte, die ich miterlebe.

Die stille Treppe

Wir sind im Zoo bei den Affen. Ich gehe mit meinem Kind eine Treppe hinauf, ein Vater mit seinem etwa 8 Jahre alten Sohn kommt uns von oben entgegen. Der Junge sieht uns und will ausweichen, um uns Platz zu machen, damit wir vorbeikommen können. Etwa eine Millisekunde zu spät. Der Vater kommt ihm zuvor und brüllt ihn an: „Sag‘ mal, hast du sie nicht alle??? Geh sofort auf die Seite. Du bist echt das Allerletzte!!!“ Der Junge fängt an, bitterlich zu weinen. Ich sehe in seinen Augen nichts als Schmerz und Verzweiflung. Ich würde ihn am liebsten in die Arme nehmen und trösten. Ich sage: „Er hat uns doch gesehen und wollte gerade ausweichen. Er hat alles richtig gemacht. Es ist alles gut.“ Der Vater schaut mich missbilligend an. Ich weiß, dass ich genauso gut gegen eine Wand hätte reden können. Denn es geht hier nicht um uns. Ich höre den Buben noch eine Weile weinen. Mein Herz weint leise mit.

Die Zerr-Schaukel 

Wir sind auf dem Spielplatz. Ich sehe von der Weite, wie eine Mutter ihren Sohn, etwa fünf, von der Schaukel zerrt. Warum, bekomme ich nicht mit. Sie zieht ihn grob an der Hand, schreit ihn an, presst ihre Finger in seinen Arm. Lässt los. Der Bub haut sie. Sie schreit ihn nochmal an. Zerrt ihn wieder am Arm. Hält diesen so stark fest, dass er ganz rot wird. Der Bub weint. Sie setzt sich mit ihm auf eine Bank, wendet sich mit dem Rücken zu ihrem Kind und unterhält sich mit ihrer Freundin. Der Bub weint vor sich hin. Alleine.

Das Lasten-Fahrrad

Wir gehen in den Supermarkt. Auf dem Weg dorthin sehe ich eine Mama mit ihrer Tochter. Die Tochter will nicht mehr mit dem Fahrrad fahren. Die Mutter zieht einen schwer beladenen Einkaufs-Trolley hinter sich her. Die Tochter fängt an zu weinen. Die Mutter erklärt ihr ganz ruhig, dass sie jetzt nicht das Fahrrad und den Trolley gleichzeitig schieben kann. Die Tochter bekommt einen Wutanfall. Die Mutter nimmt das Kind unter den Arm, schiebt Trolley und Fahrrad. Es geht nicht. Sie erklärt ihrer Tochter nochmals in ruhigem Ton, dass sie das nicht kann. Das Kind beruhigt sich nach einer Weile und steigt wieder aufs Fahrrad.

Der Bienenstich

Wir sind auf einer Wiese. Ein etwa eineinhalbjähriger Junge spielt mit dem Ball. Auf einmal fängt er ganz panisch und ganz laut an zu weinen, als ob er Schmerzen hätte. Seine Mutter fragt ihn, was los sei, und wo es weh tut, doch er kann ihr nicht antworten. „Tut es hier weh? Oder da?“ Der Bub weint weiter. „Weißt du, ich kann dir nicht helfen, wenn du mir nicht sagst, wo es weh tut, Schatz.“ Nach einer Weile zeigt er auf den Fuß. Sie zieht einen Stachel heraus. Er weint noch immer bitterlich. Sie trägt ihn herum, tröstet ihn. Sie schaut zu uns anderen Mamas rüber, die auf der Wiese sitzen, und sagt, schulterhebend: „Was soll’s! Es ist Sommer. Das gehört einfach dazu!“

Was ich mit den Ausschnitten dieser Alltagsszenen zeigen will? 

Erstens: Es gibt eine ganz breite Palette an verschiedenen Arten, wie Eltern mit ihren Kindern umgehen. Eltern können grausam sein, grob, verletzend, ignorant. Beleidigend. Sie können mitfühlend, tröstend, ruhig und stark, cool und locker sein. Aufopfernd und verständnisvoll. Laisser-faire und autoritär. Belastbar. Liebevoll und konsequent.

Zweitens: Man darf niemanden zu schnell verurteilen. Der Vater aus dem ersten Beispiel hat sich womöglich bei seinem Sohn entschuldigt und noch einen restlichen schönen Tag mit ihm verbracht (das hoffe ich zumindest…). Die Bienenstich-Mutter wirkte nach Außen total cool, ruhig und stark, aber machte sich vielleicht innerlich die größten Sorgen. Oder sie ist bei anderen Dingen weniger gelassen. Und die Zerr-Schaukel Mama war an dem Tag einfach extrem überfordert, weil sie schon seit Wochen null Unterstützung hat. Vielleicht war sie schon komplett hilflos und wusste nicht, wie und wo sie sich Hilfe suchen soll?

Drittens: Weil man eben nur einen kleinen Ausschnitt sieht, sollte man sich als Fremder nicht in die Erziehung anderer Leute einmischen. Es tut mir teilweise sehr weh, wenn ich sehe, dass Kinder ungerecht oder schlecht behandelt werden, aber wie im Beispiel mit dem Vater im Zoo hat es auch nichts gebracht, dass ich mich eingemischt habe. Denn: es ist eine sehr persönliche Sache, wie man seine Kinder erzieht, und wie man mit ihnen umgeht. Zudem fehlt als Außenstehender komplett das Vertrauen, um konstruktive Kritik üben zu können.

Und, last but not least: Es sollte mehr Toleranz unter den Eltern geben. Denn wir machen alle eine verdammt harte Arbeit. Kinder haben ist wunderschön und anstrengend zugleich. Nicht jeder hat dieselben Voraussetzungen, um einen guten Job machen zu können. Nicht jeder geht in dieser Rolle so auf, wie ein anderer.

Letztendlich steht es in unser eigenen Verantwortung, wie wir Beziehung mit unseren Kindern leben wollen. Welche Art von Mutter oder Vater möchte ich sein? Liebevoll und achtsam? Authentisch? Temperamentvoll? Ruhig und gelassen? Was möchte ich meinen Kindern fürs Leben mitgeben? Welche Werte und Vorstellungen? Wie möchte ich unser tägliches Miteinander gestalten? Und welche Ressourcen habe ich dafür? Wie viel Zeit, Geduld, Kraft …?

Auch wenn es nur eine Floskel ist, bin ich mir sicher: Was man seinen Kindern gibt, das bekommt man auch zurück.

Wie seht Ihr das?

Was funktioniert gut? 

In meinem letzten Beitrag habe ich ja ein bisschen gemotzt, denn das Schlafengehen wenn Gäste da sind will beim Pralinchen so gar nicht funktionieren. Und da es mir wichtig ist, ab und zu mal einen Abend mit Freunden zu verbringen, bin ich jedes Mal enttäuscht. Ebenso habe ich das Gefühl, dass meine Bedürfnisse generell zurzeit auf der Strecke bleiben…Und dann habe ich so viele liebe Kommentare auf meinen Beitrag bekommen, die mir ganz viel Mut gemacht haben. Ein riesengroßes Danke dafür! 
Einer davon, von Düse von Wunschkindwege, hat mich inspiriert, diesen Beitrag zu schreiben. Sie meinte:

Du wirst Dein Kind nicht ändern können-aus ihr wird niemals das bei Fremden seelig einschlummernde Kind werden. Weisst Du wie ich meine? 😉 Aber Du kannst damit anders umgehen. Dir Abende nur für Dich freischaufeln und mit Freunden essen gehen zum Beispiel 1x die Woche zum Sport. Oder vielleicht macht sie dafür andere Sachen total super mit?

Und deshalb habe ich mal scharf nachgegrübelt, was denn bei uns gut geht. Denn wenn man sich auf die positiven Dinge konzentriert, werden jene, die weniger gut funktionieren, zur Nebensache bzw. fallen womöglich irgendwann ganz unter den Tisch.

Welche Dinge macht das Pralinchen gut mit?

  • Wir können kurze Strecken problemlos mit dem Auto fahren.

Das war vor einigen Monaten noch undenkbar, denn es gab großes Geschrei, selbst nach nur wenigen Minuten Autofahrt. Als Baby hat sich das Pralinchen einmal so in Rage geschrien, dass ich sie während der Fahrt aus dem Autositz nehmen und stillen musste. Sie hatte richtige Panik! Doch jetzt sieht die Sache ganz anders aus: sie sitzt hinten sogar alleine und findet Autofahren ganz lustig. Ab und zu sagt sie zu uns „Hallo!“ nach vorne. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass das einmal so entspannt werden würde!

  • Sie nimmt anderen Kindern kein Spielzeug weg.

Ja, ich gehöre zu jenen Müttern, die entspannt Café trinken können, während das Kind seelenruhig mit anderen spielt. Nein, ganz so ist es natürlich nicht! Aber ich bin zumindest froh, dass ich nicht jede Millisekunde darauf achten muss, dass mein Kind schon wieder ein anderes Kind verärgert hat, denn das tut sie fast nie. Sie ist eher diejenige, denen andere Kinder Spielsachen wegnehmen. Und sie ist da eher gutmütig, fast defensiv. Ob das fürs spätere Leben gut ist oder nicht, sei dahingestellt. Aber zurzeit finde ich das ganz OK.

  • Sie geht aufs Töpfchen.

Wenn sie Kacka machen will, sagt sie „Popo“, geht aufs Töpfchen und macht hinein. Das ist total praktisch, weil wir keine Stinkewindeln mehr zu Hause haben und es ist auch besser für die zarte Popohaut. Mit dem kleinen Geschäft schafft sie es noch nicht immer aufs Töpfchen, aber das kommt sicher auch noch…

  • Wir können entspannt einkaufen gehen…

…ohne dass unser Kind sämtliche Regale leerräumt, den Supermarkt niederbrüllt, weil es etwas nicht bekommt, oder sonstiges Chaos veranstaltet. Das kann sich natürlich mit der beginnenden Trotzphase ändern. Aber zurzeit genieße ich, dass es so ist wie es ist.

  • Sie isst auch etwas anderes als „Nudeln ohne alles“

Ja, sie isst tatsächlich Brokkoli, und das mit Genuss. Sie mag zwar sonst sehr wenig Gemüse, aber wenn sie eine Vorliebe für etwas hat, dann ist es Brokkoli. Und letztens hat sie sogar eine saure Gurke gekostet! Fleisch und Eier gehen auch immer, außer sie ist krank. Alles in allem eine kleine, genießerische Omnivorin.

So, jetzt aber genug gelobhudelt! Vielmehr interessiert mich, was denn bei Euch bzw. Euren Kindern gut funktioniert? Worauf seid Ihr besonders stolz? Ich freue mich auf Eure Kommentare!

 

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