Gewalt

Erziehung, Gewalt und warum Eltern-Blogs so wichtig sind

Ich beobachte im Alltag immer wieder Szenen, die aus dem Lehrbuch der schwarzen Pädagogik stammen könnten.

  • Kindern wird gedroht
  • Sie werden unsanft angefasst und gegen ihren Willen auf eine Sitzgelegenheit katapultiert
  • Anstatt sie zu trösten, wenn sie dann weinen, werden sie noch zusätzlich angeschrien oder bestraft oder komplett ignoriert
  • Sie werden gegen ihren Willen und ohne vorherige Ankündigung einfach vom Spielplatz weggetragen
  • Sie werden vor anderen bloßgestellt

Diese Liste ließe sich noch beliebig lange fortsetzen. Leider. Traurig, aber wahr.

Erziehung ist gleich Gewalt?

Wenn ich vorher irgendwo mal gelesen habe, dass Erziehung Gewalt bedeutet, dann war ich immer skeptisch eingestellt. Man kann doch keiner Mama oder keinem Papa sagen, dass er oder sie Gewalt ausübt, indem er oder sie erzieht. Jeder will doch nur das Beste für seine Kinder! Jeder macht es so gut, wie er oder sie kann.

Jetzt weiß ich: Erziehung bedeutet vielleicht nicht unbedingt Gewalt. Gewalt ist ein sehr starkes Wort. ABER: Wenn sie Formen annimmt, wie oben beschrieben … was macht das dann mit einem Kind?

Wenn kein Mitgefühl da ist, wie sich so eine Kinderseele denn fühlen kann, wenn man sie (oft noch dazu grundlos) bestraft. Wenn es nur noch um Strafe, Disziplin und Konsequenz geht: „Wer nicht hören will, muss fühlen!“. Wenn es darum geht, Macht auszuüben: „Ich bin stärker als du und wenn du nicht das machst, was ich sage, dann wirst du schon sehen, was passiert.“ Oder: „Du hast gar nichts zu sagen. Ich bin hier der Chef!“

Es macht auf Dauer klein. Und die Betonung liegt auf DAUER. Denn jeder hat mal einen schlechten Tag, die Schnauze voll von allem und keine Lust oder Kraft, pädagogisch wertvoll zu handeln. Kinder können diese Momente aushalten, wenn sie ansonsten eine liebevolle Erziehung erfahren.

Und dennoch bemerke ich – egal ob auf dem Spielplatz, im Schwimmbad, im Park oder wo auch immer, dass in unserer Gesellschaft immer noch eine gewisse Grundhaltung herrscht. Eine Grundhaltung dem Kind gegenüber, die besagt: „Du bist es nicht wert, respektvoll behandelt zu werden!“

Warum tun Eltern sowas?

Diese Frage habe ich mir oft gestellt. Ich denke, es gibt mehrere Gründe:

  • Sie glauben, dass sie ihren Kindern mit Drohungen, Strafen und Konsequenz etwas Gutes tun. Dass nur so ihre Kinder „zu etwas werden“.
  • Sie haben es selbst nicht anders erlebt
  • Sie besitzen kein Wissen darüber, dass es auch anders geht
  • Gesellschaftliche Konventionen: „Es gehört sich einfach so!“
  • Sie sind überfordert

Immer wenn ich Erziehung in dieser Form als Fremde, Außenstehende erlebe, fühle ich mich hilflos. Am liebsten würde ich das jeweilige Kind in den Arm nehmen und dem Elternteil sagen: „Das musst du gar nicht tun. Dein Kind liebt dich. Es will alles tun, um dir zu gefallen. Lass die Zügel los!“

Doch das geht nicht. Wo kein Vertrauen da ist, kann man auch kein Feedback geben, das angenommen wird. Oder bin ich zu feige?

Stattdessen schaue ich mein eigenes Kind an. Ich gebe ihr einen Knutscher, knuddle sie ganz fest und bin froh, dass sie keine Erziehung als Form der Gewalt erfahren muss. Warum? Weil ich das Glück habe, selbst nicht so aufgewachsen zu sein. Weil ich mir Wissen aufgebaut habe.

Das Wissen darum, wie Kinder ungefähr ticken, dass sie genauso Bedürfnisse haben wie Erwachsene und dass sie keine unfertigen Menschen sind, sondern von sich aus gut und kompetent sind. Dass sie es nicht böse meinen, wenn sie etwas tun. Dass alles einen Grund hat, wenn sie sich so oder anders verhalten.

Das hatte ich, bevor ich mein Kind geboren hatte, nicht.

Erlebte ich Situationen wie oben beschrieben, so dachte ich: „Recht so, endlich wird dem verzogenen Racker gezeigt, was sich gehört und was nicht!“ Echt erschreckend, wenn ich jetzt im Nachhinein darüber nachdenke…

Wissen, Wissen, und nochmals Wissen

Seit ich ein Kind habe, hat sich meine Einstellung um 360 Grad gedreht. Meiner Überforderung sei Dank! Denn immer, wenn ich überfordert war, habe ich mir Rat geholt. Ich habe das Internet durchforstet, Bücher gekauft, bin in Gruppen gegangen, wo man Fragen stellen konnte. Denn ich war sowas wie eine „Tabula Rasa“, eine leere Tafel. Komplett planlos.

Ok, planlos und verzweifelt bin ich teilweise immer noch, vor allem wenn neue Herausforderungen auf mich zukommen. Ich mache ganz viele Fehler. Auch eine Drohung, Bestechung, oder was auch immer ist mir des öfteren schon ausgerutscht. Und schimpfen tu ich sowieso. Aber ich weiß, wo ich mir Rat und Hilfe holen kann. Und ich bin echt dankbar.

Dankbar dafür, dass es pädagogisch wertvolle Bücher rund um Kindererziehung gibt, dass ich meine Filterblase auf Twitter habe, in der ich mich austauschen kann, und dass es ganz tolle Eltern-Blogs gibt.

Denn Eltern-Blogger (zumindest die, die ich kenne) leisten eine verdammt gute Arbeit.

Das mag vielleicht kitschig klingen, aber Eltern-Blogger tragen dazu bei, diese Welt zu einem besseren Ort für Kinder (und Eltern) zu machen:

  • Sie zeigen, dass Beziehung wertvoller ist als Erziehung
  • Sie hinterfragen Dinge, die in unserer Gesellschaft passieren
  • Sie greifen Probleme auf und suchen im gemeinsamen Austausch nach Lösungen
  • Sie recherchieren, prüfen nach, stellen zusammen und vermitteln Wissen rund um die Entwicklung von Kindern
  • Sie zeigen den (authentischen) Alltag mit Kindern und unterschiedliche Erziehungsstile
  • Sie geben Ansporn, inspirieren und berühren
  • Aber vor allem reflektieren sie sich selbst.

(Hinter)fragen kostet nichts

Vielleicht kommen also auch jene Eltern, die überfordert sind, es nicht anders kennen und glauben, ihren Kindern nur mit Strenge, Disziplin Strafen und verbaler Gewalt zu begegnen auf die Idee, es anders machen zu können. Vielleicht beginnen sie, Glaubensmuster zu hinterfragen und ihren eigenen Erziehungsstil zu reflektieren. Sich Hilfe zu holen. Vielleicht machen sie all das, wenn sie auf gute, wertvolle, authentische Eltern-Blogs stoßen.

Ich weiß, dass das sehr kurz gedacht ist. Vielleicht etwas naiv. Aber wer weiß, vielleicht ist es zumindest für einige ein Anstoß, auf eine Reise zu sich selbst zu gehen? Mit ihren Kindern auf gewaltfreie Art zu kommunizieren. Weniger an ihnen zu ziehen, sondern in respektvolle Verbindung zu treten. Die Zügel loszulassen. Und gemeinsam mit ihnen zu wachsen. Jeden Tag ein Stückchen mehr.

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