Langzeitstillen

Abstillen nach dem Langzeitstillen: Interview mit Stillberaterin Anna Hofer

Anna Hofer ist Stillberaterin in Köln und Mutter eines sechsjährigen Sohnes.

Es gibt sie: die Exoten unter den Müttern. Jene, die ihre Kinder nicht 6 Monate oder etwa ein Jahr lang stillen, sondern länger. Zwei, drei, vier, fünf Jahre oder sogar mehr. „Stillen, so lange Mutter und Kind es wollen“ heißt es ja so schön. Doch was, wenn die jahrelange Stillbeziehung beendet werden soll? Wie stillt man ein Kleinkind ab, wenn es von Geburt an nichts anderes kennt zum Beruhigen, Kuscheln, Trösten oder Einschlafen? Wie gestaltet man den Abschied vom „Allheilmittel Brust“ möglichst liebevoll?

Ich habe die Stillberaterin und Heilpraktikerin (Psychotherapie) Anna Hofer, die mir schon mehrmals erfolgreich aus der Patsche geholfen hat, zum Abstillen nach einer langen Stilldauer befragt.

In unserem Kulturkreis wird nach dem 1. Lebensjahr oft hinter verschlossenen Türen gestillt. Wie viele Mamis stillen ihre Kleinkinder noch?

Sowohl die Bestandsaufnahme zum Stillverhalten in den 90er Jahren durch das BfR (Bundesinstitut für Risikobewertung) als auch die Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) durch das Robert-Koch-Institut 2007, dokumentieren im Kern das Stillverhalten in den ersten sechs Lebensmonaten, da in diesen ausschliesslich gestillt wird. Aus meiner Arbeit kann ich hinzufügen, dass die Stilldauer sich dahingehend erhöht, wenn die Mütter sich gut beraten und begleitet fühlen.

 

Vielen langzeitstillenden Müttern wird zum Abstillen geraten, vor allem, wenn das Kind in die Kita oder in den Kindergarten kommt. Was steckt dahinter?

Es herrscht die Annahme, dass Kinder sich in der Eingewöhnung im Kindergarten schwertun, wenn sie gestillt werden. Das ist natürlich Unsinn, denn die Qualität der Arbeit der pädagogischen Fachkräfte, ihre Geduld, ihr Verständnis, ebnen den Weg zu einer guten Zeit im Kindergarten. Die Frage, ob ein Kleinkind noch gestillt wird, spielt hier meines Erachtens keine große Rolle. Unsere Kinder können Stillzeiten in diesem Alter durchaus an den Arbeitsrhythmus der Mutter anpassen. Das heißt, viele Mütter stillen morgens und dann wieder nachmittags, wenn sie ihr Kind vom Kindergarten abgeholt haben. Und genau so kann man dies auch kommunizieren oder man lässt es außen vor. Denn Stillen ist auch immer etwas Persönliches und Intimes. Wir haben hier keine Auskunftspflicht.

 

Ich dachte, meine Tochter würde sich mit etwa 2-3 Jahren selbst abstillen. Doch nun ist sie fast 3,5 und das Gegenteil ist der Fall. Stimmt das überhaupt, dass sich Kinder in einem bestimmten Alter selbst abstillen? Oder muss die Mama die Initialzündung geben?

Das biologische Abstillalter liegt, laut verschiedenen Berechnungen der amerikanischen Anthropologin Katherine Dettwyler, bei mindestens 2,3 Jahren bis maximal 6 – 7 Jahren. Das sind natürlich statistische Angaben. Krankheit, Umzug, Eingewöhnung im Kindergarten oder bei der Tagesmutter können das Abstillen auch manchmal hinauszögern. Wenn sich schon so viel im Alltag unserer Kinder ändert oder sich anstrengend anfühlt, möchte man doch eine Konstante, auf die man sich verlassen kann. Das ist manchmal anstrengend für uns Mütter, aber aus der Sicht unserer Kinder eine völlig nachvollziehbare Reaktion. Also ja, manchmal müssen Mütter die Initialzündung geben, wenn sie nicht mehr stillen möchten. Unabhänging, wie lange die Stillzeit angedauert hat. Und das ist ihr gutes Recht. Es ist ihr Körper, über den in erster Linie sie verfügen darf.

 

Wie geht man am besten vor, wenn man sein Kleinkind abstillen möchte? Was sollte man dabei berücksichtigen?

 
Man sollte sich sicher sein in seinem Wunsch und ich weiss, viele Müttern tun sich schwer damit. Aber Ambivalenz ist ein wichtiges Thema und es sollten alle widersprüchlichen Gefühle genannt werden. Das befreit, macht den Kopf klarer und die persönlichen Wünsche deutlicher. Wir brauchen zeitweise viel Liebe, Geduld und ein dickes Fell, denn wir beenden etwas, was unser Kind ggf. gerne noch fortführen möchte. Das sorgt für Verzweiflung und Tränen. Da braucht es eben Liebe und Verständnis. Besonders auch bei Kleinkindern, die gestillt werden.
Ich halte nichts davon, Kinder von einem Tag auf den anderen groß werden zu lassen und sie zu beschämen: „Du bist doch schon so groß, das brauchst Du jetzt nicht mehr!“ „Bist Du noch ein Baby oder schon ein großes Mädchen / großer Junge?“ „Andere Kinder trinken in Deinem Alter keine Milch mehr bei Ihrer Mutter“ etc. Ich könnte noch viele Beispiele nennen. Die Verantwortung für das, was geschieht, tragen wir Erwachsenen. Immer. Und wir sind es auch, die die Trauer und das Unverständnis unserer Kinder begleiten müssen. Denn Abschiednehmen tut weh, etwas das man von Geburt an kennt, das darf man doch auch vermissen. Ich empfehle auch immer, die früheren Stillzeiten durch bewusste Kuschelzeiten zu ersetzen, wenn es möglich ist. Zusammen ein Bilderbuch anschauen, kuscheln, ein Hörbuch hören, zusammen spielen. Präsent sein.

 

Was tun, wenn das Kind sehr am Stillen hängt und sich gar nicht abstillen lassen will?

Pausieren und schauen, wie sich die Situation darstellt. Es gibt immer gute Gründe noch etwas zu warten. Man kann Stück für Stück abstillen: erst morgens, dann tagsüber, dann kommen der Abend und die Nacht an die Reihe. Druck erzeugt Gegendruck. Mit Druck funktioniert nichts und niemand, und erst recht nicht unsere kleinen Kinder.

 

Empfiehlst du, beim Abstillen konsequent zu sein und „hart“ zu bleiben, oder nach Gefühl zu gehen und auch mal nachzugeben, wenn es dem Kind besonders schwer fällt?

Ich sage meinen Müttern immer, dass sie „rückfällig“ werden dürfen und ich kleide dieses Wort auch in meinen Beratungen in diese Anführungszeichen. Abzustillen bedeutet doch nicht in den Krieg zu ziehen. Da gibt es kein Gut und Böse, kein Richtig und Falsch. Es geht doch um Gefühle! Die der Mutter, die des Vaters und die des Kindes. Und sie alle tragen einen Wunsch in sich, nämlich zueinander zu gehören und sich geliebt zu fühlen. Konsequentes Verhalten führt zu Härte in einem Moment, in dem das Kind sich Nähe und Weichheit wünscht. Und es wird für uns immer Momente geben, wo wir selbst zu müde sind, um die Tränen unserer Kinder aufzufangen und es sich leichter anfühlt, zu stillen, weiter zu stillen, erneut zu stillen. Und das ist völlig in Ordnung. Denn an einem anderen Tag haben wir die Geduld, unser Kind auch ohne Stillen in den Schlaf zu begleiten.

 

Das Ende einer langen Stillzeit ist sicherlich auch für Mütter mit vielen Emotionen verbunden. Was hilft, wenn die Stillbeziehung endgültig vorbei ist?

Die Motivationen der Mütter abzustillen sind sehr individuell. Die Eine muss ein Medikament nehmen, das nicht stillfreundlich ist oder sie möchte erneut schwanger werden. Und keine Mutter nimmt den Abstillprozess auf die leichte Schulter. Sie machen sich viele Sorgen, haben Angst um die Bindung zu ihrem Kind. Viele Sorgen kann man in Gesprächen auffangen und begleiten. Je sicherer die Mütter sich fühlen, umso eher sind sie in der Lage den Abstillprozess so zu gestalten, wie sie sich für sich und ihr Kind wünschen.

 

Was möchtest du allen Müttern in Bezug aufs Langzeitstillen mitgeben?

Ich wünsche ihnen, dass sie es genießen können. Dass sie wissen, an wen sie sich wenden können, wenn sie Fragen haben. Dass sie sich bewusst machen, dass sie nicht alleine sind, auch wenn sie sich manchmal wie ein absoluter Exot fühlen.

 

Vielen Dank, liebe Anna, für das spannende Interview!
Falls auch Ihr Fragen habt zum Stillen, findet Ihr Anna hier: Stillberatung Köln
Ein anderes tolles Interview mit Anna könnt Ihr bei Bettie von Das frühe Vogerl nachlesen. Und hier ist auch noch eins zum Thema Abstillen. Bettie war es auch, die mir Anna weiterempfohlen hat. Vielen Dank nochmal dafür!

Bindungsorientierte Elternschaft: Pro und Contra – Teil 2


Es gibt so viele verschiedene Erziehungsstile wie es auch verschiedene Modestile gibt. Die eine mag es lieber elegant und schick, der andere sportlich und alltagstauglich. So wie jede Familie individuell ist, so hat auch jede Familie das Recht auf ihren eigenen Stil im Umgang miteinander. 

Ich gehe mit meiner Familie den bindungsorientierten Weg, auch unter dem Begriff Attachment Parenting bekannt. Einerseits, weil mir die Bindung zu meinem Kind ganz wichtig ist, andererseits, weil ich viel darüber gelesen habe und mir dieser Ansatz sympathisch ist, und sicher auch, weil – ich gebe es zu – ich vieles einfach richtig machen möchte, und dieser Weg mir vor allem am Anfang viel Halt in der turbulenten Babyzeit gab, auf die ich so gar nicht vorbereitet war. 

Jetzt, da die Babyzeit schon vorbei ist, und das Pralinchen in ein paar Monaten zwei Jahre alt sein wird, wage ich, ein Resümee zu ziehen. Denn auch wenn mir Familienbett, Stillen, Tragen und Co noch immer sympathisch sind – wo viel Licht ist, darf doch auch ein wenig Schatten sein, oder? Und ich glaube fest daran, dass es sehr wichtig ist, innezuhalten und darüber nachzudenken, ob der Weg, den man eingeschlagen hat, sich immer noch richtig anfühlt, oder ob man womöglich eine Abzweigung nehmen sollte.

Darum habe ich eine kleine Beitragsserie gestartet, die meinen Weg der bindungsorientierten Elternschaft ein wenig beleuchten soll. Den Anfang machte das Familienbett in Teil 1. Jetzt widme ich mich einem Thema, das mir sehr am Herzen liegt, weil es mich immer und immer wieder zum Grübeln bringt: das Langzeitstillen.

Langzeitstillen Pro:

Schon als ich schwanger war wusste ich, dass ich lange stillen möchte. Ich habe mich informiert, welche gesundheitlichen Vorteile es hat und mich mit einer lieben Freundin, die Frauenärztin und Stillberaterin ist, immer wieder ausgetauscht. Sie selbst hat ihren Sohn etwa 2,5 Jahre gestillt.

Stillen bedeutet für mich: runterkommen, abschalten, die Liebe zu meinem Kind spüren. Es erfüllt mich mit Freude, zu sehen, wie schnell sich das Pralinchen dabei beruhigt. Es hilft uns immer wieder, Krisen und Krankheiten zu überstehen. Auch nach Trennungszeiten, wie z.B. nach dem Kindergarten, ist das Stillen zu einem schönen Ritual geworden, bei dem sie gut abschalten kann. 

Stillen ist ein schönes Gefühl. Und es ist schön zu sehen, wie sich meine Tochter darauf freut und mir dabei tief in die Augen schaut. Wie sie oft lustige Sachen sagt. Wie sie mein Gesicht erkundet. Wie wir beide in ein Land der vollkommenen Ruhe abdriften. Denn in diesem Moment gibt es nur uns zwei. Das verbindet. Das ist Bindung für mich.

Langzeitstillen Contra:

Bindung hat auch ein wenig mit „Eingebunden sein“ zu tun. Und manchmal wünsche ich mir, etwas ungebundener sein zu können. Am Abend mal weggehen können, ohne auf die Uhr zu schauen und so bald nach Hause gehen zu müssen. Das Gläschen Rotwein mehr trinken, nicht nur ein, zwei Schlücke. Mal nach Jahren wieder einen kleinen Rausch erleben…das vermisse ich!

Dass der Papa sie ins Bett bringt, hat bei uns noch nicht funktioniert, vielleicht müssen wir aber auch mehr üben. Bis jetzt war ich immer diejenige, die die Nachtschicht komplett übernommen hat. Das hat auch die meiste Zeit super funktioniert: das Kind weint, dockt an, beide schlafen weiter. Doch mittlerweile wacht sie schon über Monate hinweg ziemlich oft auf und braucht jedes Mal die Brust, um wieder einzuschlafen. Und was noch blöder ist: sie braucht jetzt beide Seiten, eine genügt ihr nicht mehr. Das ist anstrengend und nervt. Ich dachte, es wäre nur eine Phase. Ist es aber nicht.

Ebenso ist der Druck von außen immer wieder spürbar. Zum Glück habe ich ein tolerantes Umfeld, aber was Ärzte betrifft, so musste ich mich schon einige Male rechtfertigen. Letztens war ich z.B bei einer Physiotherapeutin, die meinte, ich mache mein Kind von mir abhängig. Oder die HNO-Ärztin, ganz entsetzt: „Was, sie stillen immer noch???“ „Ähmm…ja!“ Mittlerweile habe ich gelernt, damit umzugehen und mir den richtigen Spruch im Falle des Falles zurechtzulegen: „Mein Frauenarzt hat mir empfohlen möglichst lange zu stillen, solange es für mich passt.“ Und das stimmt auch.

Passt es für mich noch? Das frage ich mich immer wieder. Und bin hin- und hergerissen. Denn zur Stillbeziehung gehören zwei, und mein Kind will noch lange nicht mit dem Stillen aufhören, so scheint es. Und ich selbst finde es ja, abgesehen von den Nächten, noch immer entspannend und schön. 

Aktuell kommt Abstillen für mich nicht in Frage, da wir gerade die Eingewöhnung in den Kindergarten machen. Aber sobald dieser Schritt getan ist, werde ich mir überlegen, ob ich nicht zumindest in der Nacht abstillen soll…ich werde Euch auf dem Laufenden halten!

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