Perfektionismus

Wie ich mich mit meinem Kaiserschnitt versöhnte

Ich stehe am Spielplatz mit einer anderen Mama. Wir unterhalten uns, während unsere Kinder spielen. Ihr Sohn ist etwa 2 Jahre alt und kommt in ein paar Monaten in den Kindergarten. Sie befürchtet, dass er sich schwer tun wird. Ich finde es schön, dass sie so offen zu mir ist und von ihren Sorgen erzählt, obwohl wir uns noch gar nicht richtig kennen. Und nach einer Weile beginne ich auch zu verstehen, warum sie diese Bedenken hat.

Denn der Kleine wirkt irgendwie anders. So blass und zerbrechlich, wie ein zarter Schmetterling. Er schielt und sein Kopf zuckt ab und zu. Er sitzt nahezu regungslos da, reagiert auch nicht so wie andere Kinder, wenn man ihn anspricht. Vielleicht ist er auch schüchtern. Jedenfalls scheint mir, als wäre er nicht ganz da auf dieser Welt, als sei ihm diese fremd.

Seine Mutter gesteht mir, sie sei ständig mit ihm bei verschiedenen Ärzten. Ich traue mich nicht zu fragen, was denn genau mit dem Jungen los ist.

Wenn mit dem Kaiserschnitt zu lange gewartet wird

Irgendwie kommen wir auf das Thema „Geburt“ zu sprechen. Sie hatte sich so sehr eine natürliche Geburt gewünscht, sie hatte alles versucht. Wirklich alles. Auch die Ärzte und ihre Hebamme wollten, dass das Kind spontan auf die Welt kommt. Sie zögerten. Viel zu lange warteten sie mit dem Kaiserschnitt, bis es fast schon zu spät war. Es war wirklich sehr knapp.

Diese Geschichte ist sicher eine von vielen, und sie lässt einige Fragen bei mir auftauchen. Warum wurde so lange mit dem Kaiserschnitt gezögert? Besteht heutzutage womöglich die Tendenz, eine Spontangeburt herbeizuführen, koste es, was es wolle? Ich verstehe, dass es in vielen Fällen nicht so leicht einzuschätzen ist. Vielleicht wollte sich die Frau selbst in dem Moment gegen einen Kaiserschnitt entscheiden. Ich will mich gar nicht anmaßen, eine Meinung dazu zu vertreten, weil ich sie nicht gut kenne und auch nicht vom Fach bin. Und dennoch gibt mir das zu denken.

Das Gefühl, es nicht „geschafft“ zu haben

Die Geschichte erinnert mich an meine eigene Geburtserfahrung. Weil ich selbst einen Kaiserschnitt hatte und es ein absoluter Notfall war. Und dennoch war lange so eine Stimme da, die mir sagte, ich hätte es nicht „geschafft“, mein Kind spontan auf die Welt zu bringen. Die Stimme war zwar sehr leise, aber sie war da. Und das Komische daran: sie tauchte erst lange nach der Geburt auf. Bei der Geburt selbst war ich überglücklich, ein gesundes Kind bei mir zu haben. Wochen und Monate danach auch. Doch dann dämmerte es irgendwann, oder besser gesagt: durch verschiedenste mediale und gesellschaftliche Einflüsse wurde mir klar, dass es alles andere als eine perfekte Geburt war. Es war ein Notkaiserschnitt. Und das MUSS ja furchtbar gewesen sein.

Ich hatte dieses Bild vor Augen: die Frau gebärt vaginal, das Baby lässt seinen ersten Schrei los, der Mann schneidet die Nabelschnur durch, alle sind überglücklich und haben rosarote Bäckchen. SO muss es sein. DAS ist eine perfekte Geburt! Es machte mich jedes Mal traurig, dass ich das nicht erleben durfte. Ich machte mir auch Gedanken wegen meines Kindes, denn sie hatte einen schlechten Apgar-Test. Vielleicht wäre das nicht der Fall gewesen, wenn ich es „geschafft“ hätte, sie spontan auf die Welt zu bringen? War sie deshalb so unruhig die ersten sechs Monate?

Der Druck, spontan zu gebären, ist groß

Doch irgendwann begann ich, dieses Bild einer perfekten, spontanen Geburt aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Sicher ist es wunderschön, wenn man spontan gebären kann, alles glatt läuft und das Kind nicht in einer Notsituation aus Mamas Körper „gerissen“ wird. Sicher ist es für die Bindung gut, für das Kind, für alle Beteiligten. Keine Frage!

Und ja, mein Notkaiserschnitt war alles andere als ein Spaziergang. Ich war immens frustriert nach 12 Stunden Wehen, als auf meinem Bauch herumgeturnt worden ist, um das Kind irgendwie nach unten zu kriegen. Als es dann zum Geburtsstillstand kam und nichts mehr weiterging, war ich so enttäuscht, wie noch nie. Ich hatte Presswehen, als ich auf der Liege sitzen musste, während mir eine zentimerlange Nadel ins Rückenmark gestochen worden ist. Presswehen. Sitzend. Der reinste Alptraum! Und riskant noch dazu. Es musste eben schnell gehen.

Aber: ich bin froh, dass es schnell gegangen ist, und dass die Hebammen und Ärzte rasch gehandelt haben. Ich hielt mein erschöpftes, zerknautschtes, aber gesundes Baby in meinen Armen, nur wenige Minuten, nachdem sie ihrem Papa gebracht worden ist. Wir konnten beide mit ihr bonden. Es ging mir gut nach der OP, ich hatte kaum Schmerzen. Schon wenige Stunden nach der Geburt konnte ich aufstehen und ein paar Schritte gehen. OK, das Stillen funktionierte erst am fünften Tag – angeblich wegen des Kaiserschnitts. Das war schlimm für mich, meinem Kind keine Mamamilch von mir geben zu können, sondern die Milch anderer Frauen. Wir haben zunächst mit Frauenmilch zugefüttert und sind mit zig Flaschen von der Klinik nach Hause gefahren. Es war turbulent, aber wir haben die Startschwierigkeiten geschafft und stillen bis heute.

Den eigenen Perfektionismus loslassen

Ich bin ich jetzt halbwegs versöhnt mit dem, was war. Ich bin stolz auf mich, dass ich diese überaus schwierige Geburt geschafft habe. Eine spontane Geburt ist ideal – keine Frage! Aber ein Kaiserschnitt ist kein Weltuntergang, wenn das Ergebnis eine gesunde Mama und ein gesundes Kind sind. Ich möchte ihn damit nicht schön reden, denn es gibt sicher Frauen, die unter den Folgen eines Kaiserschnitts furchtbar leiden, körperlich wie seelisch. Ich fühle mit ihnen. Auch ich musste mich davon erholen, das Geschehene verarbeiten, und es war nicht leicht.

Doch irgendwann ich habe für mich beschlossen, mich mit meinem Geburtsverlauf und dem Notkaiserschnitt zu versöhnen. Das hilft mir, eine weitere Geburt zu meistern, wenn diese anstehen sollte. Tief im Herzen hoffe ich natürlich auf eine zukünftige, spontane, wunderschöne Geburt. Aber ich mache mir keinen Druck, falls ich diese nicht erleben sollte. Vor allem beim Thema Geburt gilt es, den eigenen Perfektionismus loszulassen.

Wie ist Eure Meinung dazu?

Nachtrag: Die liebe Andrea vom Motherbirth-Blog hat eine wunderbare Geschichte gefunden, die allen Kaiserschnitt-Mamas, die sich keinen Kaiserschnitt wünschten und doch einen hatten, Mut machen soll. Hier könnt Ihr sie nachlesen.

Ich kann deine hohen Ansprüche nicht erfüllen


Der Weihnachtsstress hat uns alle. Ich bin angespannt, der Mann ebenfalls und das Pralinchen spürt den Druck. Denn Kinder spüren irgendwie alles. Sie bockt, zickt, sagt ständig „Nein“. Blöd, wenn man selbst gerade ein Nervenbündel ist. Und auch noch viel zu hohe Ansprüche an sich hat. 

Es hat alles so schön angefangen…

Ich habe mit dem Pralinchen Kekse gebacken, während der Mann unser Arbeitszimmer aufgeräumt hat. Denn dieses war schon längst zu einer Abstellkammer geworden und wir wollten etwas Ordnung hineinbringen. Mama und Kind werkelten also in der Küche. Wir backten unsere ersten Kekse überhaupt und entschieden uns für ein einfaches Rezept. Was nicht so einfach war: das Pralinchen wollte alles selber machen und war trotzig, wenn ich dazwischenfunkte. Und ich funkte zu oft dazwischen, denn irgendwie wollte ich, dass die Kekse auch nach Keksen aussehen. Nun, irgendwie schafften wir es letztendlich doch noch, das Blech zu befüllen. Der Duft der Orangen-Schoko Plätzchen breitete sich in der ganzen Wohnung aus. Das Pralinchen brachte dem Papa ihren ersten selbstgemachten Keks, sie war ganz stolz darauf. 

Dann knallte es…

Wir bewunderten das neue Arbeitszimmer, es war jetzt von der Rumpelkammer zu einem gemütlichen Raum mutiert. Das hat der Mann super gemacht und bekam dafür ein Küsschen von mir. Und dann sollte Pralinchen Mittagsschläfchen machen, weil wir noch auf dem Weihnachtsmarkt verabredet waren. Wollte sie aber nicht. Keine Chance. 

Wir legten uns mit ihr hin, der Mann holte noch eine Decke. Als er wieder zur Tür hereinkam, kam ihm Pralinchen entgegen. „Zack!“ Es knallte. Die Tür knallte Pralinchen genau auf die Nase. Der Mann zu mir: „Kannst du nicht aufpassen? Das ist deine Schuld.“ Das Pralinchen weinte und ich tröstete sie. „Das hätte ich ja nicht ahnen können, dass du genau in dem Moment zur Tür hereinkommst,“rechtfertigte ich mich. Ich war richtig sauer, denn es ist immer das gleiche Muster: dem Pralinchen passiert etwas, und der Mann gibt mir die Schuld dafür. Ich hätte in dem Moment die Verantwortung, ich hätte besser aufpassen sollen. Immer das gleiche Spiel. „Ich bin kein Supermensch. Ich kann gewisse Dinge nicht vorhersehen. Du hast zu hohe Ansprüche an mich. Ich kann diese hohen Ansprüche nicht erfüllen“ platzte es aus mir heraus. 

Perfekt, perfekt, …defekt!

Und irgendwie dachte ich mir, dass ich von diesen ganzen Ansprüchen erdrückt werde. Denn nein, nicht nur der Mann stellt sie an mich, sondern auch ich an mich selber. Und allen voran die Gesellschaft. 

Schauen wir uns mal die Liste an Anforderungen einer Mama doch genauer an: 

  • die Wohnung soll perfekt aufgeräumt und der Jahreszeit entsprechend dekoriert sein.
  • Das Essen soll frisch gekocht sein, jeden Tag. Am besten Bio und regional. 
  • Man soll sein eigenes Geld verdienen, man will ja nicht vom Partner abhängig sein.
  • Der Job soll ja noch dazu Spaß machen, man muss förmlich darin aufgehen. 
  • wehe, man überschminkt die zu den Knien hängenden Augenringe nicht, bevor man perfekt gestylt außer Haus geht!
  • Das Kind muss möglichst ohne Kakao-Flecken und Blessuren vom täglichen Anzieh-Kampf, pünktlich auf die Minute in die Kita gebracht werden, sonst geht der Tagesplan nicht auf. 

Daneben organisiert man den nächsten Wochenendeinkauf inklusive Wochenplan. Und das alles gepaart mit der Riesen-Verantwortung, die man sowieso schon hat: dass dem Kind ja nichts passiert, es sich kein Bein oder sonst eine Gliedmaße bricht, während es seine Kletterkünste übt. Ach ja, und nebenbei backt man ja auch noch den nächsten Kindergeburtstags-Kuchen oder eben Weihnachtskekse. Und nicht zu vergessen: für den Partner soll man ja auch noch mitdenken. Damit man ihn genau in der Millisekunde, in der er das Zimmer betritt, vorwarnt, dass das Kind zur Türe sprintet. 

Ich übertreibe jetzt etwas, aber irgendwie läuft es schon darauf hinaus, oder? Ich jedenfalls komme mit diesem Druck nicht immer so gut klar. Wie geht es euch dabei? Und wie schafft man das, wenn noch ein, zwei weitere Kinder am Rockzipfel hängen?

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