Warum ich im Herzen ein Hippie bin

Ich fühle mich oft einsam, so als Mama. Nicht, weil ich zu wenig andere Mamas kenne. Nein, ich fühle mich einsam, weil ich das mit der „Kindererziehung“ irgendwie so anders mache, als die Menschen hier in meinem Umfeld. Ich habe oft das Gefühl, dass ich deshalb schräg angeschaut werde. Dass andere denken: „Die hat ihr Kind ja gar nicht im Griff, sie lässt sich alles gefallen, setzt keine Grenzen, alles ist erlaubt. Bei mir würde das nicht durchgehen, das ist ja unmöglich.“ Ein Beispiel gefällig?

Frühstück in der Badewanne

Wir sind beim Elternabend im Kindergarten, sitzen auf dem Boden im Kreis. Jeder soll sich und sein Kind vorstellen und eine Kindheitserinnerung teilen. Als die Eltern über ihre Kinder sprechen, listen sie vor allem Leistungen auf: sie kann gut tanzen, er kann gut Fußball spielen. Sie kann mit drei Jahren schon bis 20 zählen. Er kann das, sie kann jenes. Er ist stur, bockig. Sie ist dauernd wütend und anstrengend. Sie hat ihren eigenen Kopf. Er ist fordernd, es ist nicht leicht mit ihm. Es kommen Reaktionen von anderen Eltern, es wird rumgealbert und kommentiert.

Als ich an die Reihe komme, sage ich nur:

„Meine Tochter ist einzigartig. Sie liebt Pferde und rosa Kleider und manchmal trägt sie Nagellack. Sie läuft total gerne barfuß durch die Wiese. Sie hat oft originelle Einfälle. Letztens zum Beispiel, da hat sie ihr Frühstück in der Badewanne eingenommen und Badewasser dazu getrunken. Und gesagt: „Mama, das schmeckt sooo gut!““

Totenstille.

Von mir wird erwartet, an meinem Kind zu ziehen, es zu formen wie ein Stück Lehm

Ich mag nichts mehr, als meinem Kind ständig alles verbieten zu müssen. Nein, ich hasse es. Ich finde es viel zu anstrengend und ich merke, wie die Beziehung zu ihr darunter leidet. Dass sie letztendlich ziemlich frustriert ist und eine Reihe von Wutanfällen bekommt. Also tue ich es nicht. Ich erlaube viel und sage oft „Ja!“. Oder ich sage „Nein!“, revidiere aber ganz schnell meine Meinung und sage letztendlich doch noch „Ja!“. Ich bin nachgiebig und inkonsequent. Teilweise auch aus Bequemlichkeit, das gebe ich zu. Aber sehr oft auch deshalb, weil ich glaube, dass mein Kind viele Dinge selbst entscheiden kann und nicht übergangen werden sollte. Weil ich ihr gewisse Entscheidungen und die damit verbundenen Erfahrungen zutrauen will.

Ich habe aber den Eindruck, dass von mir genau das Gegenteil erwartet wird: „Nein!“ zu sagen, Grenzen zu setzen, konsequent zu sein. Denn es sei ja unsere Verantwortung als Eltern. Klar haben wir eine gewisse Verantwortung, vor allem, wenn gefährliche Dinge im Spiel sind, andere verletzt werden könnten. Und ja, man muss sich auch an bestimmte gesellschaftliche Konventionen halten und es seinem Kind auch vorleben. Aber ich gelange immer mehr zu dem Punkt, wo ich mir denke:

„Muss ich jetzt so mit meinem Kind umgehen, weil „es sich so gehört“ oder stehe ich als Mensch wirklich dahinter? Wird das gerade von mir erwartet und mache ich es, weil ich muss, oder mache ich das aus freien Stücken, weil ich es will?“

Im Herzen bin ich ein Hippie

Mein ganzes Leben lang war ich eher brav und angepasst, wie so ein „ordentliches“ Schulmädchen. Ich habe selten etwas Verbotenes getan. Ich habe nie rebelliert. Meistens habe ich das getan, was andere von mir erwartet haben. Das tue ich teilweise immer noch. So kommt man recht einfach durchs Leben. Aber macht es auch wirklich Spaß? Nicht immer.

Das Leben ist viel zu kurz, um es von anderen bestimmen zu lassen!

Und genau das will ich auch meiner Tochter auf den Weg geben. Seit sie da ist, haben sich meine Prioritäten verändert. Ich versuche, nicht mehr so viel Wert auf die Meinung fremder Leute zu legen, also damit meine ich Menschen auf der Straße und solche, die ich nicht so gut kenne. Ich höre öfter auf mein Herz und darauf, was ich wirklich will. Ich versuche, mir einzureden, dass ich gut bin, wie ich bin. Es gelingt mir nicht immer, aber ich strebe es an.

Ich möchte mich befreien von gesellschaftlichen Zwängen, vor allem vom Leistungsdruck, der so vorherrschend ist in unserer Zeit. Deshalb habe ich auch an diesem besagten Elternabend nicht davon gesprochen, was mein Kind alles kann, sondern was sie ausmacht, als Mensch. Ich bin stolz auf ihre Einzigartigkeit und hoffe, dass sie sich diese so gut wie möglich bewahren kann. Dass sie nicht mitgeschwemmt wird von dem, was die Gesellschaft ihr aufzwingt. Dass sie sich traut, anders zu sein. Etwas, was ich mich lange Zeit nicht getraut habe.

Seit ich ein Kind habe, bin ich ein Stück gewachsen. Ich lege eine gewisse „So what?“- Mentalität an den Tag, die mir richtig gut tut. Meine Tochter ist die beste Lehrmeisterin für mich. Und deshalb versuche ich jeden Tag, darüber hinwegzusehen, was andere Leute von mir oder uns denken. Mehr selbst- statt fremdbestimmt zu sein. Auch wenn ich dabei nicht „Everybody´s Darling“ bin (sorry für diese Anglizismen). Das erfordert oft Mut (den ich zugegebenermaßen nicht immer habe) und Rücksichtnahme. Rücksicht auf sich selbst und andere, aber besonders auf sich selbst.

Und wie sieht es bei Euch aus? Seid Ihr eher Hippies oder brave Schulmädchen? 😉
Was hat sich im Hinblick auf Eure Persönlichkeit verändert, seit Ihr Kinder habt?

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