Aufopferung

Wieviel Aufopferung darf sein?


Ich mag dieses Wort „Aufopferung“ eigentlich nicht, und besonders nicht im Zusammenhang mit Kindern. Denn schließlich wollte ich unbedingt ein Kind, liebe es abgöttisch, und ich sehe mich nicht als sein Opfer. Und trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich mich hier und da zu sehr für meine Tochter „aufopfere“, und meine Bedürfnisse total auf der Strecke liegen. Ja, ich habe sogar das Gefühl, dass sie umso unzufriedener ist, je mehr ich für sie mache.

Gestern war Silvester und wir hatten Freunde zu Besuch. Sie haben eine Tochter in Pralinchens Alter. Der Abend fing gemütlich an, der Tisch war schön gedeckt. Die Kinder spielten und aßen dann mit uns zusammen Raclette. Doch nach ein paar Minuten kippte plötzlich bei Pralinchen die Stimmung. Und dann ging es los, mit Wutanfällen am laufenden Band. Sie brüllte nur noch laut vor sich hin, ließ sich nicht beruhigen. Unsere Freunde wollten sie uns abnehmen, damit der Mann und ich wenigstens einen Bissen essen konnten, doch das funktionierte nicht. Und so ging ich mit dem brüllenden Kind ins Schlafzimmer und machte stundenlange Einschlafbegleitung. Ich war müde, hungrig, ausgelaugt. Als ich zurückkam, konnte ich endlich etwas essen. Doch nach nur 15 Minuten rief sie mich wieder! Und so ging es den ganzen Abend. Ich stillte sie in den Schlaf zurück, sie schlief ein, ich setzte mich für wenige Minuten zu den Gästen und wurde wieder gerufen. Und ich war so dermaßen genervt! Zu Mitternacht nahm ich sie dann mit uns Wohnzimmer, damit sie das Feuerwerk anschauen konnte, denn Schlafen ging ja sowieso nicht.

Es kann auch anders gehen…

Zu allem Überfluss zeigte mir das Beispiel der Tochter unserer Freunde, dass es auch entspannter gehen kann: Sie spielte nach dem Essen seelenruhig weiter. Dann bekam sie von ihrer Mama eine Tasse warme Milch, wurde ins Bett gelegt, in einer fremden Umgebung, in einem Raum, in dem sie noch nie zuvor geschlafen hat! Meine Freundin sang ihr etwas vor und sie schlief innerhalb weniger Minuten ein. Problemlos. Und sie wachte kein einziges Mal auf. Kein einziges Mal! Nicht einmal zu Mitternacht, als der Lärm der Feuerwerkskörper losging.

Ich weiß, es ist unfair meinem Kind gegenüber, Vergleiche zu ziehen, aber ich dachte mir: „Wieso ist mein Kind nur so fordernd?“ oder „Was mache ich falsch?“. Diese Situation haben wir immer, wenn jemand zu Besuch kommt und ich bin jedes Mal so frustriert. Weil ich auch gerne in Ruhe essen und am Geschehen teilnehmen würde und nicht den ganzen Abend im Schlafzimmer verbringen will. Und meine Tochter kann ja schon alleine im Familienbett schlafen, es funktioniert problemlos wenn der Mann und ich alleine sind.

Ist es die Trotzphase? Oder ihr Temperament? Oder liegt es an meiner Erziehung?

Doch auch in anderen Aspekten ist mein Kind irgendwie fordernder als andere Kinder. Oder zumindest hat sie ein starkes Temperament. Sie schreit und schimpft so laut, wenn sie etwas nicht bekommt, oder wenn etwas nicht nach ihrem Kopf geht. Heute hatte sie wieder Wutanfälle am laufenden Band. Alles scheint sie zu ärgern: die Windel, die Strumpfhose, das Glas Wasser, dass sie wollte und jetzt nicht mehr will. Ich überlege, ob es einfach die Autonomiephase ist, oder ob sie vielleicht ein High Need Kind ist und mir deshalb so viel abverlangt. Auch andere Leute meinen, dass das Pralinchen wohl zu den fordernderen Kindern gehört. Oder ob es an meiner Erziehung liegt. Denn ich halte ihr Weinen und Schreien sehr schlecht aus und ertappe mich dabei, wie ich öfter mal etwas erlaube oder nach einem Kompromiss suche, nur um keinen drölfzigsten Schreianfall zu riskieren. Ich bin wohl zu sehr auf Harmonie bedacht und verabsäume es, das eine oder andere Mal, meine eigenen Grenzen aufzuzeigen. Ich gebe zu, dass mir das enorm schwer fällt.

Und deshalb habe ich es mir für 2017 zum Ziel gesetzt, öfter „Nein!“ zu sagen, das liebevoll zu begründen und sie durchaus wütend und traurig sein zu lassen. Denn sie hat ja das Recht dazu, ihre Emotionen zu zeigen, auch wenn es für mich unangenehm ist. Und sie ist bereits in einem Alter, wo sie schon langsam verstehen kann, dass andere Menschen auch Bedürfnisse haben.

Ich möchte ich nicht mehr das Gefühl haben, dass ich mich für sie aufopfere. Ich möchte achtsamer mit mir selbst umgehen, und stärker spüren, wo und wann meine jeweilige persönliche Grenze erreicht ist. Denn eine sich aufopfernde, unzufriedene Mama hat meine Tochter nicht verdient. 

Wie geht es Euch bei der Erziehung Eurer Kinder? Habt Ihr auch öfter mal das Gefühl, dass Eure Bedürfnisse auf der Strecke bleiben? Wie zeigt Ihr persönliche Grenzen auf und wie leicht oder schwer fällt Euch das?

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