bindungsorientierte Elternschaft

Bindungsorientierte Elternschaft: Pro und Contra – Teil 2


Es gibt so viele verschiedene Erziehungsstile wie es auch verschiedene Modestile gibt. Die eine mag es lieber elegant und schick, der andere sportlich und alltagstauglich. So wie jede Familie individuell ist, so hat auch jede Familie das Recht auf ihren eigenen Stil im Umgang miteinander. 

Ich gehe mit meiner Familie den bindungsorientierten Weg, auch unter dem Begriff Attachment Parenting bekannt. Einerseits, weil mir die Bindung zu meinem Kind ganz wichtig ist, andererseits, weil ich viel darüber gelesen habe und mir dieser Ansatz sympathisch ist, und sicher auch, weil – ich gebe es zu – ich vieles einfach richtig machen möchte, und dieser Weg mir vor allem am Anfang viel Halt in der turbulenten Babyzeit gab, auf die ich so gar nicht vorbereitet war. 

Jetzt, da die Babyzeit schon vorbei ist, und das Pralinchen in ein paar Monaten zwei Jahre alt sein wird, wage ich, ein Resümee zu ziehen. Denn auch wenn mir Familienbett, Stillen, Tragen und Co noch immer sympathisch sind – wo viel Licht ist, darf doch auch ein wenig Schatten sein, oder? Und ich glaube fest daran, dass es sehr wichtig ist, innezuhalten und darüber nachzudenken, ob der Weg, den man eingeschlagen hat, sich immer noch richtig anfühlt, oder ob man womöglich eine Abzweigung nehmen sollte.

Darum habe ich eine kleine Beitragsserie gestartet, die meinen Weg der bindungsorientierten Elternschaft ein wenig beleuchten soll. Den Anfang machte das Familienbett in Teil 1. Jetzt widme ich mich einem Thema, das mir sehr am Herzen liegt, weil es mich immer und immer wieder zum Grübeln bringt: das Langzeitstillen.

Langzeitstillen Pro:

Schon als ich schwanger war wusste ich, dass ich lange stillen möchte. Ich habe mich informiert, welche gesundheitlichen Vorteile es hat und mich mit einer lieben Freundin, die Frauenärztin und Stillberaterin ist, immer wieder ausgetauscht. Sie selbst hat ihren Sohn etwa 2,5 Jahre gestillt.

Stillen bedeutet für mich: runterkommen, abschalten, die Liebe zu meinem Kind spüren. Es erfüllt mich mit Freude, zu sehen, wie schnell sich das Pralinchen dabei beruhigt. Es hilft uns immer wieder, Krisen und Krankheiten zu überstehen. Auch nach Trennungszeiten, wie z.B. nach dem Kindergarten, ist das Stillen zu einem schönen Ritual geworden, bei dem sie gut abschalten kann. 

Stillen ist ein schönes Gefühl. Und es ist schön zu sehen, wie sich meine Tochter darauf freut und mir dabei tief in die Augen schaut. Wie sie oft lustige Sachen sagt. Wie sie mein Gesicht erkundet. Wie wir beide in ein Land der vollkommenen Ruhe abdriften. Denn in diesem Moment gibt es nur uns zwei. Das verbindet. Das ist Bindung für mich.

Langzeitstillen Contra:

Bindung hat auch ein wenig mit „Eingebunden sein“ zu tun. Und manchmal wünsche ich mir, etwas ungebundener sein zu können. Am Abend mal weggehen können, ohne auf die Uhr zu schauen und so bald nach Hause gehen zu müssen. Das Gläschen Rotwein mehr trinken, nicht nur ein, zwei Schlücke. Mal nach Jahren wieder einen kleinen Rausch erleben…das vermisse ich!

Dass der Papa sie ins Bett bringt, hat bei uns noch nicht funktioniert, vielleicht müssen wir aber auch mehr üben. Bis jetzt war ich immer diejenige, die die Nachtschicht komplett übernommen hat. Das hat auch die meiste Zeit super funktioniert: das Kind weint, dockt an, beide schlafen weiter. Doch mittlerweile wacht sie schon über Monate hinweg ziemlich oft auf und braucht jedes Mal die Brust, um wieder einzuschlafen. Und was noch blöder ist: sie braucht jetzt beide Seiten, eine genügt ihr nicht mehr. Das ist anstrengend und nervt. Ich dachte, es wäre nur eine Phase. Ist es aber nicht.

Ebenso ist der Druck von außen immer wieder spürbar. Zum Glück habe ich ein tolerantes Umfeld, aber was Ärzte betrifft, so musste ich mich schon einige Male rechtfertigen. Letztens war ich z.B bei einer Physiotherapeutin, die meinte, ich mache mein Kind von mir abhängig. Oder die HNO-Ärztin, ganz entsetzt: „Was, sie stillen immer noch???“ „Ähmm…ja!“ Mittlerweile habe ich gelernt, damit umzugehen und mir den richtigen Spruch im Falle des Falles zurechtzulegen: „Mein Frauenarzt hat mir empfohlen möglichst lange zu stillen, solange es für mich passt.“ Und das stimmt auch.

Passt es für mich noch? Das frage ich mich immer wieder. Und bin hin- und hergerissen. Denn zur Stillbeziehung gehören zwei, und mein Kind will noch lange nicht mit dem Stillen aufhören, so scheint es. Und ich selbst finde es ja, abgesehen von den Nächten, noch immer entspannend und schön. 

Aktuell kommt Abstillen für mich nicht in Frage, da wir gerade die Eingewöhnung in den Kindergarten machen. Aber sobald dieser Schritt getan ist, werde ich mir überlegen, ob ich nicht zumindest in der Nacht abstillen soll…ich werde Euch auf dem Laufenden halten!

Bindungsorientierte Elternschaft: Pro und Contra – Teil 1

Als das Pralinchen gerade erst geschlüpft war, stand ich vor ganz vielen Fragen: Wie oft soll ich stillen? Was mache ich, wenn sie weint? Wie reagiere ich, wenn sie dies oder jenes macht? Ist das alles normal? Ich war komplett planlos. 

Eine Freundin riet mir: „Mach das, was sich richtig für dich anfühlt, und hab keine Angst vor dem Verwöhnen.“ Doch das war mir irgendwie nicht genug, denn am Anfang war da neben ein wenig Bauchgefühl vor allem viel Überforderung da. Ich begann also, mir so einiges anzulesen. Jede Stillmahlzeit nutzte ich, um mir Infos aus dem Internet, aus Büchern, Blogs, etc. zu holen. Ich las Bücher von William Sears, Dr. Harvey Karp und Jean Lidloff, durchforstete Seiten wie Stillkinder.de oder Blogs wie Das gewünschteste Wunschkind treibt mich in den Wahnsinn, Geborgen wachsen, und viele mehr. Der Weg, der dort beschrieben war, fühlte sich für mich absolut richtig an. Und ich hatte endlich einen Plan, etwas, woran ich mich festhalten konnte. Einen Anker in der stürmischen Babyzeit.

Und so versuchte ich auch nach massiven Stillproblemen am Anfang weiterzustillen, nach Bedarf und nicht nach der Uhr. Wir ließen das Pralinchen von Beginn an in unserem Bett schlafen. Und wir besorgten uns schon recht bald eine Tragehilfe, um sie zum Einschlafen oder Beruhigen zu tragen. Wir reagierten sofort auf jedes Weinen. Wir richteten unseren Alltag nach ihren Bedürfnissen aus. Was sie brauchte, das versuchten wir ihr zu geben. Und das alles tun wir immer noch. 

Jetzt, da das Pralinchen schon zu einem kleinen Persönchen geworden ist, und die turbulente Babyzeit schon seit fast einem Jahr vorbei ist, kann ich eine erste Bilanz ziehen. Was finde ich gut am bindungsorientierten Weg? Was passt für uns als Familie immer noch? Was könnte besser funktionieren? Wo gibt es noch Potential zur Veränderung? 

Aus diesem Grund will ich eine kleine Serie starten, um die bindungsorientierte Elternschaft näher zu beleuchten. Nicht, um diesen von uns eingeschlagenen Weg zu hinterfragen, sondern vor allem, um mich selbst zu reflektieren. Denn auch das gehört zum Elternsein dazu. Den Anfang der Artikelserie macht das Familienbett.

Familienbett Pro:

In der Babyzeit gab mir das Familienbett vor allem Sicherheit. Ich sorgte mich sehr wegen der Gefahr des plötzlichen Kindstodes. Wir haben nicht ein einziges Mal ein System zur Überwachung gebraucht, weil wir immer bei ihr waren und sie atmen hören konnten. Und jetzt, in der Kleinkindzeit, genieße ich es immer noch, dieses kleine Wesen neben mir liegen zu haben. Ihre Wärme zu spüren, jeden Atemzug bei ihr zu sein. Sie sofort beruhigen zu können, wenn sie aufwacht oder weint. 

Dadurch, dass ich immer noch stille, kann ich mir eine andere Lösung für uns schwer vorstellen. Ich fände es mühsam, jede Nacht aufzustehen, zum Bett zu laufen, das Kind herauszuheben usw. So ist es für alle Beteiligten viel angenehmer (der Mann pennt sowieso wie ein Stein). Es würde sich für mich auch nicht richtig anfühlen, sie ganz alleine, im eigenen Bettchen, in ihrem eigenen Zimmer schlafen zu lassen. Das ist eine Vorstellung, die mir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht behagt. 

Auch wenn so manche Stimmen immer wieder mal meinen, das sei nicht hygienisch, sie bei uns schlafen zu lassen, es wäre doch endlich mal Zeit für ein „eigenes“ Leben, sie sei schon groß genug, etc., antworte ich dann immer: „Sie liegt ja in ihrem eigenen Bett, das ist halt direkt neben unserem. Und sie fühlt sich geborgen. Was ist daran falsch? Außerdem wird sie sowieso so schnell groß werden und irgendwann wird sie darauf bestehen, in ihrem eigenen Zimmer zu schlafen. Darauf vertraue ich, dass dieser Zeitpunkt ganz von selbst kommt.“

Familienbett Contra: 

Es gibt gelegentlich Nächte, da beschleicht mich so ein Gefühl, dass das Pralinchen wegen uns unruhig schläft. Wenn der Mann hustet oder ich mich umdrehe und das Bett knarzt, wacht sie manchmal auf. Das ist natürlich blöd. Ebenso finde ich es mühsam, dass ich gelegentlich nicht mehr einschlafen kann, wenn sie aufwacht, und dann stundenlang wach liege. Das kann mir natürlich ebenso passieren, wenn sie im eigenen Bett/Zimmer liegen würde. Dennoch frage ich mich manchmal, ob sie dann allgemein etwas ruhiger schlafen würde…auch wenn ich weiß, dass es ganz natürlich und evolutionsbedingt so ist, dass Kinder in der Nähe der Eltern schlafen. 

Fazit: Das Familienbett fühlt sich für mich und meine Familie immer noch passend an. Abgesehen von den unruhigen Nächten, die immer wieder mal da sind, wegen Krankheit, Zähnen, Schub, etc. können wir insgesamt alle gut zusammen schlafen. Und vor allem habe ich das Gefühl, dass die Nähe dem Pralinchen gut tut. Sie ist eine richtige Kuschelmaus.

Welchen Weg habt ihr als Eltern eingeschlagen? Was passt für euch gut, wo seht ihr Potential zur Veränderung? Ich freue mich auf eure Kommentare!

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